Baldini - eine Parodie auf die Gestalt des gealterten Gelehrten

Baldinis Wissensdrang reicht nicht besonders weit. Er ist jedoch besessen davon, alle Düfte bei sich, in seiner Parfümerie, zu besitzen, reich zu werden und seinem Konkurrenten Pélissier, den Erfinder von "Amor und Psyche" , fertig zu machen, weil er eifersüchtig auf seinen Erfolg ist. Er möchte als der größte Parfumeur in Frankreich angesehen werden.
(Seite 60)                      "Sein Ehrgeiz bestand darin, in seinem Leben alles zu
                                      versammeln, was irgendwie duftete oder in irgendeiner
                                      Weise dem Duft diente."


Er ist stolz darauf, dass Parfumherstellung ein Handwerk ist und nichts mit Alchemie zu tun hat, doch er sehnt sich mehr nach Anerkennung und Reichtum als nach Wissen. Er erfährt seine Grenzen, als er, der gealterte Parfumeur, "wie eine verschnupfte Jungfer" (109) vergebens versucht, das Parfum "Amor und Psyche" in seine verschiedenen Substanzen zu zerlegen, um es zu kopieren.
(Seite 82)                      "Er wusste, dass es sinnlos war, weiterzuriechen. Er würde
                                      nie herausbekommen, woraus dieses neumodische Parfum
                                      zusammengesetzt war, heute schon überhaupt nicht mehr,
                                      aber auch morgen nicht."


Zwar ist ihm schon vorher klar, dass er wegen seines mangelnden Geruchsempfindens keineswegs ein genialer Parfumeur ist:
(Seite 66)                      "Zwar war er alt und verbraucht, das stimmte, und auch
                                      kein großer Parfumeur mehr; aber er wusste, dass er im
                                      Leben noch nie einer gewesen war."


Und auch sein Ehrgeiz, mehr zu wissen, ist, gelinde gesagt, eher beschränkt:
(Seite 83)                      "Er hatte dieses zersetzende Riechen nie gelernt. Es war
                                      ihm eine unselig widerwärtige Beschäftigung, einen Duft
                                      zu zerspalten; ein Ganzes, ein gut oder weniger gut
                                      Gefügtes, aufzuteilen in seine simplen Fragmente. Es
                                      interessierte ihn nicht. Er wollte nicht mehr."


Als Ausgleich versucht er mit allerlei fragwürdigen Methoden, dem drohenden Bankrott entgegenzuwirken :
(Seite 68)                      "Ach, wie schlimm, dass man sich als rechtschaffener Mann
                                      gezwungen sah, so krumme Wege zu gehen."


Schließlich lässt er sich mit dem zwielichtigen Grenouille ein , um seine Gier nach Erfolg und Reichtum zu stillen:
(Seite 105)                    "Ja, wie ein Kind, dachte Baldini; er sieht mit einem
                                      Mal aus wie ein Kind , trotz seinen klobigen Händen,
                                      trotz seinem vernarbten, zerkerbtem Gesicht und der
                                      knolligen Altmännernase."


Durch Grenouille und dessen unglaubliches Talent, das er skrupellos ausnutzt, gelangt Baldini bald zu europäischem Ansehen. Als Grenouille erkrankt, erfährt Baldini seine Grenzen erneut, er erkennt, dass er ohne Grenouille ein Nichts ist.
(Seite 134)                    "Er biss sich in die Finger vor Wut über sein Schicksal.
                                      Wieder einmal wurden ihm die Pläne für den ganz, ganz
                                      großen Erfolg kurz vor dem Ziel vermasselt. Jetzt war es
                                      dieser Junge mit seinem unerschöpflichen Fundus an
                                      neuen Gerüchen, dieser mit Gold gar nicht aufzuwiegende
                                      kleine Dreckskerl, der ausgerechnet jetzt die syphilitischen
                                      Blattern bekommen musste und die eitrigen Masern in
                                      stadio ultimo!"


Wenn ihm Grenouille auch von Anfang an nicht ganz geheuer ist, so erkennt er doch nie - im Gegensatz zu Faust, der klassischen Figur des gealterten Gelehrten in der Krise - wen er wirklich vor sich hat. Seine Abscheu und sein Ekel vor Grenouille bleiben jedoch die ganze Zeit über erhalten. Daher kann er ihm beim Abschied auch nicht die Hand reichen:
(Seite 140f.)                  "Die Hand gab er ihm nicht, so weit war es mit der
                                      Sympathie auch wieder nicht her. Er hatte ihm noch
                                      nie die Hand gegeben. Er hatte überhaupt immer
                                      vermieden, ihn zu berühren, aus einer Art frommem
                                      Ekel, so als bestünde die Gefahr, dass er sich
                                      ansteckte an ihm, sich besudele."


Zuvor aber erfüllt Baldini sich in den drei Jahren, die der Grenouille für sich verpflichtet hat, seine kühnsten Träume: Überall auf der Welt duftet es nach seinen Parfums und er wird somit zum bekanntesten Parfumeur weit über Paris hinaus.
(Seite 138)                    "Er gründete die Manufaktur im Faubourg Saint-
                                      Antoine, setzte sich mit seinen exklusiven Parfums bei
                                      Hofe durch, bekam königliches Privileg. Seine feinen
                                      Duftprodukte wurden bis nach Petersburg verkauft, bis nach
                                      nach Palermo, bis nach Kopenhagen. (...) Baldini war
                                      (...) mit siebzig Jahren zum unumstrittenen größten
                                      Parfumeur Europas aufgestiegen und zu einem der
                                      reichsten Bürger von Paris."


So kann man zusammenfassend sagen, dass Baldini jemand ist, der sich - wie Faust - auf eine zwielichtige Gestalt einlässt, aber aus gänzlich anderen Motiven heraus. Seine Beschränktheit bezüglich seiner Kenntnisse in seinem Fachgebiet betrachtend sowie seine niedrigen Motive für den "Pakt" lassen ihn als eine Parodie auf die Faustfigur erscheinen.

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