Kapitel 26 - Interpretation

Grenouille als Schöpfer

Es ist augenscheinlich, dass im 26. Kapitel des Romans auf die Entstehungsgeschichte des Alten Testaments angespielt, ja dass sie parodiert wird. Dies wollen wir im Folgenden durch eine Analyse der wesentlichen Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen der biblischen Schöpfungsgeschichte und der im Roman erläutern.

Die Verbindung zur Genesis ist sowohl an der Sprache als auch an der Handlung erkennbar. Vor allem der sprachliche Ausdruck und die Art, in der der Autor die Ereignisse darstellt, verweisen darauf. Zunächst einmal unterscheidet sich dieses Kapitel von anderen des Romans im Tonfall: Alles klingt sehr feierlich und wichtig, was erkennen lässt, dass hier eine große Tat von bedeutender Wichtigkeit vollbracht wird. In beiden Texten loben sich die Schöpfer nach ihrem Werk. Die Formulierung "Gott sah, dass es gut war" (Genesis) taucht in ähnlicher Form im Roman auf: "Und als er sah, dass es gut war, (...)" (S.161) oder etwas später in übertriebener und dadurch ins Lächerliche verzerrter Steigerung: "Und der Große Grenouille sah, dass es gut war, sehr, sehr gut." (162). Danach machen sich auch beide "Götter" wieder an ihre Arbeit. Nach endgültiger Vollendung ihres Werkes ruhen beide. Grenouilles Müdigkeit wird allerdings in Kapitel 27 ironisch dargestellt: "Das Doppelamt des Rächers und Weltenerzeugers strengte nicht schlecht an (...)" (S.163).

Die Parodie auf die Entstehungsgeschichte lässt sich an diversen Unterschieden zeigen. Der größte Unterschied ist wohl der Grund, welcher die Schöpfer dazu bewogen hat, ihr Werk zu vollbringen. Gott schafft aus Liebe und bringt dies durch verschiedene Ausdrücke, aus denen seine große Freude gegenüber seinem Werk spricht, zur Geltung ( "(...) und Er freute sich"). Grenouille dagegen schafft aus Größenwahn, was schon in seiner Namensgebung deutlich wird: der Große Grenouille, um sich selber zu beweisen, was er kann: "Er stand auf, der große innere Grenouille, wie ein Riese stellte er sich hin, in seiner ganzen Pracht und Größe, herrlich war er anzuschauen - fast schade, dass ihn keiner sah!-, und blickte in die Runde, stolz und hoheitsvoll: Ja! dies war sein Reich! Das einzigartige Grenouillereich!" (160f.). Die ironische Distanz des Erzählers zu Grenouille ist hier nicht zu übersehen. Grenouille lässt sich von seinem "Duftvolk" feiern, dem er sich überlegen fühlt und für das er nur Verachtung empfindet: "Und er ließ sich herab, seine Schöpfung mehrmals zu segnen, was ihm von dieser mit Jauchzen und Jubilieren (...) gedankt wurde." (S.161)

Andere wichtige Unterschiede sind die Zeit, in der die beiden Schöpfer ihr Werk vollbringen, sowie das Resultat ihrer Schöpfung. Gott braucht sieben Tage und schafft eine komplette Welt mit Menschen, Tieren, Pflanzen, Tag, Nacht und vielen andren Dingen. Diese sind für die Bewohner seiner Welt sichtbar, greifbar und genießbar. Grenouille braucht nur einige Stunden und schafft eine Duftwelt: "Es gab überhaupt keine Dinge in Grenouilles innerem Universum, sondern nur die Düfte von Dingen." (160) Allerdings ist sie nur für ihn wahrnehmbar, und kein anderer kann sich daran erfreuen. Dies bringt uns zum nächsten Unterschied: Grenouille schafft die Düfte, damit sie sich ihm unterwerfen und ihm dienen. Gott aber schafft den Menschen, damit er sich die Natur und die Tiere unterwirft. Nachdem er sein Werk vollbracht hat, lässt Grenouille sich von seiner Schöpfung feiern und umjubeln. Gott jedoch gibt den Menschen nur einige Ratschläge und zieht sich danach zurück. Grenouille zieht sich auch zurück, doch erst nach langer Feier und als er sein Volk satt hat: "Siehe, ich habe ein großes Werk getan und es gefällt mir sehr gut. Aber wie alles Vollendete beginnt es mich zu langweilen. Ich will mich zurückziehen und mir zum Abschluss dieses arbeitsreichen Tages in den Kammern meines Herzens noch eine kleine Beglückung gönnen." (S.162).

Während Gott im Allgemeinen bescheiden bleibt und nur die Richtigkeit seines Handelns erwähnt ("Gott sah, dass es gut war"), kann Grenouille nicht darauf verzichten, sich als "göttlich" und "groß" darzustellen: "Und als er sah, dass es gut war und dass das ganze Land von seinem göttlichen Grenouillesamen durchtränkt war, ließ der Große Grenouille einen Weingeistregen herniedergehen."(161)

Insgesamt ist die ironische Distanz des Erzählers zu Grenouille nicht übersehbar. Die Wortwahl spielt, ähnlich wie beim Bacchanal in Kapitel 49, auf die Bereiche der Sexualität und Religion an. Wenn mit "orgiastischer Gewalt sein angestauter Hass" hervorbricht (159) oder von einer "lasziven Ruhe" der "inneren Gefilde" die Rede ist (160), und dies alles im Zusammenhang mit einem Schöpfungsakt, dem ein Akt der Zerstörung vorausgeht, dann entsteht ein Eindruck einer Perversion des Schöpfungsgedankens.

Zurück zu Kapitel 26 - Inhaltsangabe

Zurück zur Hauptseite