Kapitel 49 - Interpretation
Für die Grasser Bevölkerung ist diese Hinrichtung ein Massenspektakel. "Schon am Morgen kamen die ersten Schaulustigen und sicherten sich Plätze" (S.296). Die Stimmung ist ausgelassen, die Menschen essen, trinken und feiern die Hinrichtung wie auf einem Jahrmarkt. Der Cours füllt sich bis auf den letzten Quadratzentimeter mit Zuschauern, die sich das Ereignis um nichts in der Welt entgehen lassen wollen. Die Veranstaltung zieht mehr Menschen an als das Fest der Jasminkönigin. Beim Anbringen des Andreaskreuzes bricht die Menge in Jubel aus und die Knechte werden gefeiert. Sogar der Adel macht sich schick und trägt die besten Kleider. Allen voran Richis in schwarzer Kleidung, dem ein Platz im Zentrum des Cours freigehalten wurde. Das Schafott wirkt durch die Menschenmasse ganz klein, "wie ein Spielzeug oder wie die Bühne eines Puppentheaters"(296). Grenouille ist somit ein "Schauspieler", der das "Publikum" in seinen Bann zieht und es täuscht.
Grenouille wird nicht wie ein gewöhnlicher Mörder behandelt. Seine Ankunft wird wie der Aufrtitt einer großen Persönlichkeit dargestellt: Er fährt in einer zweispänningen Kutsche zum Marktplatz vor, für jedermann sichtbar mit Kutscher, Diener und Begleitung. Die schaulustigen Bürger halten dies für einen gelungenen Einfall, ähnlich wie ein bekanntes Theaterstück, das auf überraschend neue Weise präsentiert wird. Die Menschen halten Grenouilles Erscheinung für durchaus angemessen. Er ist trotz seiner in wenigen Augenblicken erfolgenden Hinrichtung gekleidet wie ein Edelmann.
Der Auftritt in der Aula in Montpellier diente Grenouille als Generalprobe, dort erlebte er seine Wirkung auf die Professoren durch einen selbstgemischten Menschenduft, kombiniert mit einem Parfum. In diesem Kapitel wird Grenouilles Auftritt also mehrfach mit einem Theaterstück vergleichen. Seine Hinrichtung wird mit so viel Vorfreude erwartet, wie sie meist zu größeren Spektakeln herrscht.
Wie kommt es nun zu dem "Wunder" (299)? Die Menschen glauben plötzlich, in Grenouille eine unschuldige, liebevolle, bezaubernde Person zu sehen. Doch sein gütiges Lächeln ist in Wahrheit ein "hässliches, zynisches Grinsen" (304). Die Bürger glauben seine Liebe zu spüren, doch Grenouilles wahre Gefühle sind Abscheu, maßloser Hass und Verachtung.
Dabei zeigt er seine Gefühle offen und allen sichtbar. Diese Täuschung, die Grenouille durch sein Parfum erreicht, macht aus der Hinrichtungszene eine Parabel der Massenverführung. Die Menschen sind durch seine Aura geblendet und verdrängen Grenouilles wahres Ich. "Die in der Masse vereinigten Einzelnen " verlieren all ihren Willen.
In der Sekundärliteratur wird daher häufig darauf verwiesen, dass man die Ereignisse dieser Szene mit der Wirkung vergleichen kann, die Hitler auf Menschen. hatte, der, so wie Grenouille aus einfachen Verhältnissen stammend, es schaffte, die Massen zu manipulieren. Und so wie viele Deutsche in Hitler nicht das Böse erkannt und danach die Greueltaten des Dritten Reiches sehr schnell vergessen haben oder nichts davon bemerkt haben wollten, halten auch die Grasser Bürger Grenouille, den Massenmörder, für unschuldig. Da sie jedoch wissen, dass er der Mörder ist, wird die Wendung der Hinrichtung zu einer Orgie als "Wunder" angesehen. Grenouilles "Maske", seine neue Aura, macht es ihnen unmöglich zu erkennen, wer wirklich vor ihnen steht und was in ihm vorgeht. Der Hass auf den "außergewöhlich abscheulichen Verbrecher" schlägt in Liebe um. Die Menschen wollen ihn nicht mehr hinrichten, sondern verehren ihn. Dabei sieht jeder in Grenouille sein eigenes Ideal: Mal verkörpert er den Heiland, mal den strahlenden Herrn der Finsternis, dann wieder das Höchste Wesen oder den Märchenprinzen, kurzum, er ist das ideale Abbild, der Messias des Volkes (303). Die Menschen sind ihm hörig, beten ihn an und begehren ihn sogar. So artet seine Hinrichtung "zum gößten Baccanal aus, das die Welt seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert gesehen hatte." (303) , von der am nächsten Tag allerdings niemand mehr etwas wissen will, und das allen so peinlich und unbegreiflich ist, dass alle versuchen "wegzuschauen und wegzuhören und wegzudenken" (Kap. 50, S.312). Der Soziale Status spielt keine Rolle mehr, denn alle geben sich ihren Ausschweifungen hin - sogar der Bischof: "Die Luft war schwer vom süßen Schweißgeruch der Lust und laut vom Geschrei, Gegrunze und Gestöhn der zehntausend Menschentiere. Es war infernalisch." (303f.)
Der Autor vermischt die Wortfelder der Religion und der Sexualität, um die Verführung der Menschen und das Bacchanalzu beschreiben: Zuneigung, Zärtlichkeit, kindische Verliebtheit, seufzen vor Wonne, sehnsüchtiges Verlangen, Entzücken, Begehrlichkeit, Ekstase, erotisches Zentrum, geiles aufgespreizte Fleisch, steifgefrorene Glieder, kopulieren, Stellung und Paarung, Lust und Gestöhn. Der Autor weist darauf hin, mit welcher Leichtigkeit sich Menschen verführen lassen. Ihr triebhaftes Verhalten wird als "Massenphänomen" bezeichnet, bei dem der einzelne keinen eigenen Willen mehr hat - selbst Richis lässt sich täuschen!. Diese Begriffe werden nun mit Ausdrücken aus dem religiösen Bereich kombiniert: Grenouille wird von einem "Lakai" angebetet. In der "prostrativen Haltung, wie sie im Orient vor dem Sultan und vor Allah üblich ist" (301), sinkt er zu Boden vor lauter Ergebenheit. Außerdem wird Grenouille als "sein eigener Gott" bezeichnet, der herrlicher ist als jener "weihrauchstinkende Gott, der in den Kirchen hauset" (S. 304). Süskind spricht damit das Tabuthema der Sexualität in der Religion an, da Keuschheit das genaue Gegenteil der Massenorgie darstellt.
Weiter mit Kapitel 49 - Woran Grenouille scheitert
Zurück zu Kapitel 49 - Inhaltsangabe
Zurück zur Hauptseite