Tagebuch eines Grasser Bürgers
Paris, 18. April 1766
Hilfe!
Ich hoffe, dass das, was ich jetzt hier niederzuschreiben beschlossen habe, kein anderer Mensch auf Erden lesen wird, so risikoreich dieser (jetzige) Akt des Schreibens für mich (und die Zukunft der anderen Grasser Leute/Mitbürger) auch ist.. Ich. habe es unbedingt nötig, dieses schlimme, teuflische Gefühl des Sünders aus mir herauszubekommen um mich etwas "reiner" zu fühlen. Die Sache ist die, ich kann, naja, niemand kann über dieses öffentliche, höchst peinliche Ereignis reden. Denn es ist so unglaubwürdig - so unmöglich, dass dies geschehen sein soll, dass sogar ich, der hier als lebender Zeuge dazu steht, oft in Verzweiflung gerate:
Nun.. wie ich schon am 16. April geschrieben habe, war gestern die Hinrichtung des Mädchenmörders Grenouille - besser gesagt - sie hätte gestern sein sollen! Nur kam es dazu nicht.
Ich weiß ganz ehrlich nicht, wieso. Ich habe nämlich so eine Art Loch, Lücke im Gehirn. Ich kann mich nur noch an zwei Dinge erinnern: Vor Grenouilles Ankunft standen wir, tausende Grasser Schaulustige auf dem Platz, auf dem dieser hingerichtet werden sollte, sehnsüchtig und voller Hass, uns endlich an ihm rächen zu können. Plötzlich erschien aber diese Engelsgestalt, dieser junge Mann Grenouille, der der Mörder sein sollte. Was?! Niemals, unmöglich!! Der Junge strahlte solch eine Unschuld aus, ja genau, "Strahlen" waren es, die einen blendeten., wärmten und bewiesen, dass er kein Mörder war. Die Atmosphäre auf dem Platz wurde ins völlige Gegenteil verkehrt -alles schien so zauberhaft: wir alle waren glücklich, voller Freude und Liebe...
Naja, und nun kommt das so genannte "schwarze Loch", wie ich's so nenne: Ich kann mich dann nur noch daran erinnern, wie intensiv diese Gefühle unter uns Bürgern gespürt, ausgelebt wurde. Am nächsten Morgen befand ich mich in den armen einer alten Greisin.. Wir beide, naja.. - alle um uns herum auch! - waren ganz nackt...
Oh Gott im Himmel, wie konnte nur Derartiges geschehen?!
Manche werden's wohl als Wunder, andere als Zeichen des Teufels bezeichnen. Ich frag' mich nur: Woher kam diese übergroße, ja allmächtige Kraft, die wir alle zu spüren bekamen?
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