Tagebucheintrag einer Grasser Bürgerin

Liebes Tagebuch!

Heute war ein ganz verrückter Tag mit einer ziemlich überraschenden Wende. Rekonstruieren wir also den Tagesablauf, damit ich das gut erklären kann.

Heute Morgen sollte ja die Hinrichtung eines Jean-Baptiste Grenouille stattfinden. Ich gehe also gemütlich von Zuhause durch die Gassen auf den großen Platz. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viele Leute das Spektakel anschauen wollten.Da es aber erst um fünf losgehen sollte,hab ich mir etwas zu essen und zu trinken gekauft und mich auf die Suche nach einem guten Platz gemacht . Plötzlich sehe ich in der Menge meine Schwester und ihren Ehemann mit beiden Kindern mir zuwinken. Du weißt ja, liebes Tagebuch, dass ich zwar verlobt bin, aber nicht verheiratet. Ich ging also zu ihnen und plauderte mit ihnen. Sie boten mir auch an mich neben sie zu setzen, was mir ganz gelegen kam ,da ich ja einen Platz brauchte. Um drei Uhr kam dann der Vollstrecker der Hinrichtung mit seinen Gehilfen, um noch etwas vorzubereiten. Zu diesem Zeitpunkt herrschte noch reger Trubel auf dem Platz, aber das änderte sich schlagartig, als die Adeligen und bekannte Persönlichkeiten auftauchten. Wir alle musterten natürlich die Kleider und Hüte der Adeligen, die gerade der letzte Schrei waren. ...Langsam wuchs die Spannung unter uns Bürgern, da wir ja wussten, dass der Mörder bald auftauchen musste und wir konnten unsere Ungeduld kaum zügeln. Wie du weißt, liebes Tagebuch, habe ich ja selbst eine der Leichen gesehen, da dieser Mistkerl, dieses Scheusal meine Freundinnen umgebracht hat. Er hat ihnen die Haare abrasiert und ihre Kleider weggenommen, so dass sie ganz nackt allein und einsam irgendwo in den Feldern lagen.

Dieses Ungeheuer hatte jede von ihnen entweder beim Blumenkranzmachen oder beim Trüffelsammeln von hinten überrascht und mit einer Art Knüppel niedergeschlagen und so umgebracht. All dies kam aber erst vor kurzem heraus, als die Utopsie gemacht wurde und der Mörder gestanden hat.

Als die Kutsche kurz nach fünf Uhr ankam, ging ein Murmeln durch die Reihen, da der Mörder ja normalerweise zu Fuß oder in einem Eselskarren hätte kommen können, aber die legte sich, da die meisten Menschen damit einverstanden waren, da er ja ein besonderer Mörder war. Ich hingegen fand das mit der Kutsche zu pompös und eines Mörders zu würdig. Als Grenouille dann nach einer Weile ausstieg, war ich hin-und hergerissen von meinen Gefühlen. Ich wusste ja, dass er ein Mörder war, aber so wie er aus der Kutsche stieg, konnte er doch nur unschuldig sein. Außerdem sah er noch blendend aus mit seinem blauen Anzug. Grenouille sah viel besser aus als mein Verlobter und ich wünschte mir in diesem Augenblick nichts sehnlicher als ihn zu meinem Gemahl zu haben. Das Gleiche fand meine Schwester auch, ihre Augen glänzten vor Freude und ihre Wangen waren gerötet. Sie konnte nur noch "Märchenprinz, mein Märchenprinz" vor sich hinsagen. Das passierte irgendwie auch all den anderen Menschen, aber ich bekam das gar nicht so richtig mit, da ich auf einmal das Gefühl einer Ekstase in mir aufsteigen fühlte. Ich wollte es unterdrücken, aber ich konnte nicht. Aber das ist noch nicht alles, ich wurde nach vorne - oder hinten? - geworfen, ich kann mich nicht genau erinnern, aber mit einem Mal war da ein Mann und ich wusste überhaupt nicht so recht, was passierte, aber dieses ekstatische Gefühl wurde nur noch stärker, so weit, bis es zu einer Explosion in meinem Körper kam. Benommen lag ich auf dem Boden des Platzes, dort, wo ich in Ohnmacht gefallen war. Als ich aufstand, merkte ich, dass so ziemlich alle auf dem Platz versammelten Menschen aufstanden und ganz langsam nach Hause gingen. Ich stand auf und merkte, dass mein Verlobter vor mir lag. Wankenden Schrittes gingen wir nach Hause kicherten dabei wie kleine Kinder. Man könnte meinen, dass der ganze Tag bloß ein Traum war. Ein komischer Traum, wenn man genau ist, aber so einer, dass man ihn sein Lebtag nicht vergessen wird.

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