Stilmittel in Süskinds Roman Das Parfum
Die Akkumulation
Aufzählung mehrerer Unterbegriffe zum Zweck stärkerer Bildhaftigkeit oder bei feierlichem Nachdruck
Kapitel 27: Und als der liebe Jean-Baptiste (...) auf seinem simplen anheimelnden Sofa lag (...), klatschte er in die Hände und rief seine Diener herbei, die unsichtbar, unfühlbar, unhörbar und vor allem unriechbar, also vollständig imaginäre Diener waren (S.164)
Die Alliteration:
Wiederholung gleicher Laute (besonders gleicher Anfangslaute) bei aufeinanderfolgenden Wörtern zur Erzielung von Klangeffekten und als verbindendes Prinzip, v.a. bei der Bindung von Versen, aber auch in sprichwörtlichen Wendungen (z.B. Stock und Stein/ Kind und Kegel)
Kapitel 26: Der Große Grenouille (S.161)
Kapitel 32: ... brach in Grenouille ein anderer Jubel los, ein schwarzer Jubel, ein böses Triumphgefühl, das ihn zittern machte und berauschte wie ein Anfall von Geilheit, und er hatte Mühe, es nicht wie Gift und Galle über die Menschen herspritzen zu lassen ... (S.197)
Kapitel 27: Es besaß tausend Kammern und tausend Keller (S.163)
Die Anapher
"Emportragung", "Wiederaufnahme": Wiederholung eines Wortes am Anfang aufeinander folgender Sätze zur Steigerung des Ausdrucks.
Kapitel 22: Worin besteht denn mein Vergehen schon, wenn es überhaupt eines ist? Höchstens darin, dass ich mich ein wenig außerhalb der Zunftordnung bewege, indem ich die wunderbare Begabung eines Ungelernten exploitiere und seine Fähigkeit als meine eigne ausgebe. Höchstens darin, dass ich um ein Kleines vom traditionellen Pfad der handwerklichen Tugend abgewichen bin. Höchstens darin, dass ich heute tue, was ich gestern noch verdammt hätte. (S.142)
Kapitel 26: Da gebot der Große Grenouille Einhalt dem Regen. Und es geschah. Und er schickte die milde Sonne seines Lächelns über das Land ... (S.162)
Die Antiklimax
Aufzählung, bei der mit dem stärkeren Ausdruck begonnen wird.
Kapitel 8: Er war schon im Begriff, die langweilige Veranstaltung zu verlassen, (...) als ihm der Wind etwas zutrug, etwas Winziges, kaum Merkliches, ein Bröselchen, ein Duftatom, nein, noch weniger: eher die Ahnung eines Dufts als einen tatsächlichen Duft (S.50)
Kapitel 34: Auch im Frühsommer des nächsten Jahres fand sich nichts mehr von ihm, kein Kleidungsstück, Kein Körperteil, kein Knöchelchen. (S.207)
Kapitel 35: Das heißt, dieses Mädchen hatte noch gar keine Brüste im wahren Sinne des Wortes! Es hatte kaum beginnende Ansätze von Brüsten. Es hatte unendlich zart und gering duftende, von Sommersprossen umsprenkelte, sich vielleicht erst seit wenigen Tagen, vielleicht erst seit wenigen Stunden, ... seit diesem Augenblick eigentlich erst, sich zu dehnen beginnende Häubchen von Brüstchen. (S.216)
Die Antithese
Zusammenstellung gegensätzlicher Begriffe, Urteile und Aussagen, z.B. "ein Unterschied wie Tag und Nacht".
Kapitel 27: Als er aufwachte allerdings, wachte er nicht auf im purpurnen Salon seines purpurnen Schlosses hinter den sieben Mauern und auch nicht in den frühlingshaften Duftgefilden seiner Seele, sondern einzig und allein im Steinverlies am Ende des Tunnels auf dem harten Boden in der Finsternis. (S.167)
Kapitel 35: Aber da schien noch etwas anderes zu sein, etwas mörderisch Gutes, was in diesem Garten duftete (S.214)
Grenouille wurde es heiß vor Wonne und kalt vor Schrecken. (S.215)
Das Asyndeton
Griech. "Unverbundenes": Anreihung gleichgeordneter Sätze oder Satzglieder ohne Konjunktionen
Kapitel 27:Er las von den Gerüchen seiner Kindheit, von den Schulgerüchen, von den Gerüchen der Straßen und Winkel der Stadt, von Menschengerüchen. (S.165f.)
Das Bild
Zusammenfassender Begriff für Metapher, Gleichnis und Vergleich.
Kapitel 29: Die Kleider enthielten ein olfaktorisches Tagebuch der letzten sieben, acht Jahre. (S.174)
Der Chiasmus
Überkreuzstellung von einander entsprechenden Satzgliedern (z.B. "Die Kunst ist lang, und kurz ist unser Leben", J.W.Goethe, Faust I)
Kapitel 29: Der Nebel war sein eigener Geruch. Sein, Grenouilles, Eigengeruch war der Nebel. (S.171)
Der Euphemismus
Griech. Unangenehmes mit angenehmen Worten sagen. Beschönigende oder verhüllende Umschreibung für ein anstößiges oder unangenehmes Wort. Häufig werden auch Fremdwörter euphemistisch verwendet.
Kapitel 3: (...) und floh zurück in die Stadt, warf, im Kloster angekommen, seine Kleider wie etwas Beflecktes ab, wusch sich von Kopf bis Fuß und kroch in seiner Kammer ins Bett, wo er viele Kreuze schlug, lange betete und endlich erleichtert entschlief. (S.25)
Die Frage
Sprechakt, der auf Klärung, Bestätigung oder Korrektur oder auf eine Information zielt. Im Unterschied dazu wird auf die rhetorische Frage keine Antwort erwartet, da sie schon eine Antwort enthält oder nahelegt.
Kapitel 27: Was, wenn die Keller und Kammern mit einem Mal leer, was, wenn der Wein in den Fässern verdorben war? Warum ließ man ihn warten? Warum kam man nicht? (S.164)
Grch. = das Übermaß
Übertreibung des Ausdrucks in vergrößerndem oder verkleinerndem Sinn. (blitzschnell, Schneckentempo)
Kapitel 20:: G.s Körper war übersät von diesen roten Bläschen. Viele von ihnen platzten auf (...), andere wuchsen sich zu wahren Furunkeln aus, schwollen dick rot an und rissen wie Krater auf und spieen dickflüssigen Eiter aus, mit gelben Schlieren durchsetztes Blut. (130)
Kapitel 49: Die Folge war, dass die geplante Hinrichtung eines der verabscheuungswürdigsten Verbrechers seiner Zeit zum größten Bacchanal ausartete, das die Welt seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert gesehen hatte. (S.303)
Die Hypotaxe
Unterordnung von Nebensätzen unter einen Hauptsatz im Satzgefüge.
Kapitel 3: Und er raffte seine Soutane und ergriff den brüllenden Korb und rannte davon, rannte durch das Gassengewirr zur Rue du Faubourg Saint-Antoine, die Seine hinauf nach Osten, zur Stadt hinaus, weit, weit hinaus bis zur Rue de Charonne und diese fast bis zum Ende, wo er, in der Nähe des Klosters der Madeleine de Trenelle, die Adresse einer gewissen Madame Gaillard kannte, welche Kostkinder jeglichen Alters und jeglicher Art aufnahm, solange nur jemand dafür zahlte. (S.25)
Die Ironie
lat. Erheuchelte Unwissenheit, Verstellung. Redeweise, bei der das Gegenteil des eigentlichen Wortlauts gemeint ist.
Kennzeichnend für den Roman ist ein ironischer Unterton:
Kapitel 27: Das Doppelamt des Rächers und Weltenerzeugers strengte nicht schlecht an, und sich danach von der eigenen Brut stundenlang feiern zu lassen, war auch nicht die reinste Erholung. Der göttlichen Schöpfungs- und Repräsentatonsverpflichtungen müde, sehnte sich der Große Grenouille nach häuslichen Freuden. (S.163)
Die Klimax
Im Sinn einer stufenweise Steigerung angeordnete Wort- oder Satzreihe.
Kapitel 3: Weg damit! (...) Aber wohin? Er kannte ein Dutzend Ammen und Waisenhäuser im Quartier, aber das war ihm zu nah, zu dicht auf der Haut war ihm das, weiter weg musste das Ding, so weit, dass man’s nicht hörte, so weit, dass man‘s ihm nicht jede Stunde wieder vor die Türe stellen konnte, nach Möglichkeit musste es in einen anderen Sprengel, ans andere Ufer noch besser, am allerbesten extra muros, in den Faubourg Saint-Antoine, das war’s!, dahin kam der schreiende Balg, weit nach Osten, jenseits der Bastille, wo man nachts die Tore schloss. (S.24)
Kapitel 27: unsichtbar, unfühlbar, unhörbar und vor allem unriechbar (S.164)
Das Leitmotiv
Aus der Musikwissenschaft entlehnt: Wiederkehr inhaltlich wesensverwandter Stellen; in der Literatur Bezeichnung für formelhaft wiederkehrende bestimmte Wortfolge mit gliedernder und verbindender Funktion, wiederholte Handlungsteile oder sprachliche Bilder.
In Patrick Süskinds Roman wird u.a. das Bild vom Zeck leitmotivisch verwendet.
Die Litotes
Griech. Einfachheit, Schlichtheit.
Stilfigur, bei der ein Ausdruck durch die Verneinung des Gegenteils hervorgehoben wird, z.B. "nicht übel" für "gut".
Kapitel 1: Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen nicht armen Epoche gehörte. (S.5)
Die Metapher
sprachlicher Ausdruck, bei dem ein Wort (eine Wortgruppe) aus seinem Bedeutungszusammenhang in einen anderen übertragen, als Bild verwendet wird.
Kapitel 4: So ein Zeck war das Kind Grenouille. Es lebte in sich verkapselt und wartete auf bessere Zeiten. (S.59)
Kapitel 6: Von einem Tag auf den anderen verkapselte er wieder die ganze Energie seines Trotzes und seiner Widerborstigkeit in sich selbst, verwendete sie allein dazu, auf zeckenhafte Manier die Epoche der bevorstehenden Eiszeit zu überdauern: zäh, genügsam, unauffällig, das Licht der Lebenshoffnung auf kleinster, aber wohlbehüteter Flamme haltend. (S.41)
Kapitel 27 Sein Herz war ein purpurnes Schloss. Es lag in einer steinernen Wüste, getarnt hinter Dünen, umgeben von einer Oase aus Sumpf und hinter sieben steinernen Mauern. Es war nur im Flug zu erreichen. Es besaß tausend Kammern und tausend Keller und tausend feine Salons, darunter einen mit einem einfachen purpurnen Kanapee (...) (S.163)
Kapitel 49: Er hatte die prometheische Tat vollbracht. (S.304)
Er war (...) ein herrlicherer Gott als jener weihrauchstinkende Gott, der in den Kirchen hauste. (S.304)
Der
Parallelismus
Im Gegensatz zum Chiasmus Wiederkehr derselben Wortreihenfolge in symmetrischer Konstruktion.
Kapitel 1: Aus den Kaminen stank der Schwefel, aus den Gerbereien stanken die ätzenden Laugen, aus den Schlachthöfen stank das geronnene Blut. (...) Es stanken die Flüsse, es stanken die Kirchen, es stank unter den Brücken und in den Palästen ... (S.6)
Kapitel 18: Rollte Duftkerzen aus Holzkohle, Salpeter und Sandelholzspänen. Presste orientalische Pastillen aus Myrrhe, Benzoe und Bernsteinpulver. Knetete Weihrauch, Schellack, Vetiver und Zimt zu Rüucherkügelchen. Siebte und spatelte (...). Rührte Schminken (...) (S.122)
Die Parabel
Grch. = Vergleichung, Gleichnis
Lehrhafte Erzählung, die eine allgemeine sittliche Wahrheit oder Erkenntnis durch einen analogen Vergleich aus einem anderen Vorstellungsbereich erhellt.
In Patrick Süskinds Roman gilt die Entwicklung der Hinrichtung zu einem Bacchanal als Parabel der Verführung (Kap. 49).
Die Parataxe
Satzreihe: Aneinanderreihung von Hauptsätzen.
Kapitel 1: Es stanken die Flüsse, es stanken die Plätze, es stanken die Kirchen, es stank unter den Brücken und in den Palästen. Der Bauer stank wie der Priester, der Handwerksgeselle wie die Meisterfrau, es stank der gesamte Adel, ja sogar der König stank, wie ein Raubtier stank er, und die Königin wie eine alte Ziege, sommers wie winters. (S.6)
Kapitel 51: In der Auvergne kam er dem Plomb du Cantal nahe. Er sah ihn westlich liegen, groß und silbergrau im Mondlicht, und er roch den kühlen Wind, der von ihm kam. Aber es verlangte ihn nicht hinzugehen. Er hatte keine Sehnsucht mehr nach dem Höhlenleben. Diese Erfahrung war ja schon gemacht und hatte sich als unlebbar erwiesen. Ebenso wie die andere Erfahrung, die des Lebens unter den Menschen. Man erstickte da und dort. Er wollte überhaupt nicht mehr leben. Er wollte nach Paris gehen und sterben. Das wollte er. (S.315)
Die Parodie
Grch. = Gegengesang
In der Literatur die verspottende, verzerrende oder übertreibende Nachahmung eines schon vorhandenen ernst gemeinten Werkes oder einzelner Teile daraus unter Beibehaltung der äußeren Form, doch mit anderem, nicht dazu passendem Inhalt.
Die Personifikation
Einem Ding wird eine Tätigkeit oder eine Eigenschaft zugeschrieben, die ursprünglich eine menschliche ist.
Der brüllende Korb": anscheinend handelt das Ding (der Korb) so, als wäre es eine Person.
Kapitel 3: Und er raffte seine Soutane und ergriff den brüllenden Korb und rannte davon. (S.24f.)
Kapitel 29: ... es war, als schriee der Berg. (S.171)
Das Polysyndeton
In einer Aufzählung oder einer Satzreihe wird dieselbe Konjunktion in auffallender Häufigkeit verwendet: "Er läuft und läuft und läuft."
Kapitel 11: In jedem Bereich wird gefragt und gebohrt und geforscht und geschnüffelt und herumexperimentiert.(S.74)
Der Superlativ
"Darübertragen"; Höchststufe in der dreistufigen Steigerung der Adjektive.
Kapitel 1: Hier nun, am allerstinkendsten Ort des gesamten Königreichs, wurde am 17.Juli 1738 Jean Baptiste Grenouille geboren. Es war einer der heißesten Tage des Jahres. (S.7)
Rhetorische Figur zur Steigerung der Anschaulichkeit einer Aussage, wobei mit Hilfe von Vergleichswörtern (z.B. so ... wie) zwischen zwei Wirklichkeitsbereichen, die in einem Punkt eine Übereinstimmung aufweisen müssen, eine Beziehung hergestellt wird.
Kapitel 4: Er war zäh wie ein resistentes Bakterium und genügsam wie ein Zeck, der still auf einem Baum sitzt und von einem winzigen Blutströpfchen lebt, das er vor Jahren erbeutet hat. (S.27)
Kapitel 20: Bis dahin hätte man ihn ausplündern können wie eine Silbermine, wie einen Goldesel. (S.134)
Kapitel 27: Grenouille, der Zeck, war empfindlich geworden wie ein Krebs, der sein Muschelgehäuse verlassen hat und nackt durchs Meer wandert. (S.168)
Kapitel 49: Man (...) hielt die Sache mit der Kutsche für einen gelungenen Einfall, ähnlich wie im Theater, wo man es schätzt, wenn ein bekanntes Stück auf überraschend neue Weise präsentiert wird. (S.298)
Sie (...) rangen die Hände, zuckten und grimassierten wie vom Veitstanz Befallene. (S.301)
Er war noch größer als Prometheus. (S.304)
(...) und flatterte nun mit wehendem schwarzem Rock über den Richtplatz wie ein Rabe oder wie ein rächender Engel. Es war Richis. (S.307)
Die Wiederholung
Stilmittel zur Steigerung der Eindringlichkeit.
Kapitel 29: Er musste seinen Körper ganz still halten, ganz still, wie ein Gefäß, das von zuviel Bewegung überzuschwappen droht.
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