Ein Weg durch die Stadt mit den Sinnen: Tasten

 

Die Sonne stand hoch am Himmel, als Angela Drusilla endlich die Augen öffnete. Sie hatte die Nacht über mit Tanzen verbracht und war erst mit dem ersten Sonnenstrahlen unter die Decke geschlüpft. Anstrengend war es gewesen, sehr anstrengend. Warum mußte sie ja auch bis so lang aufbleiben? Nichts war mehr zu tun um den Tag noch zu retten. Der halbe Tag war schon vergangen, und es gab ja noch so viel zu tun, bevor sie heute Abend mit der alten Clique ausgehen würde.. Und zwischen dem Haushalt, essen, waschen, aufräumen... vergingen der Rest an Stunden, die ihr noch verblieben. Ein kurzes Suchen durch den Schrank, den letzten Blick in den Spiegel und die Tür ihrer ach so ruhigen Wohnung fiel ins Schloß.

Nun stand sie da, das Treppenhaus vibrierte mit dem konstanten Außenlärm. Angela entschloß sich die Treppen zu gehen. Der Aufzug brauchte immer so ewig lange bis er da war und dieses furchtbar unangenehme Gefühl der sich nach unten bewegenden Kabine verursachte ihr Kopfschmerzen. Treppen laufen ist außerdem gesünder, Bewegung schadet ja nichts.

Am Portal angekommen legte sie die Hand auf die Klinke. Das zitternde Objekt in ihrer Hand machte sie schon ganz kribblig, so daß sie die Türe mit einem mal aufriß und beim Heraustreten losließ. Der Knall war im ganzen Gebäude zu hören.

Jetzt war sie draußen, auf der Straße. Eine wahre Überforderung ihres Tastsinnes. Schon beim ersten Schritt brannte sich das Strassenmuster wieder von neuem in ihre Fußsohlen ein. Man mußte sich schnellstens daran gewöhnen, sonst wäre ein Schock unabwendbar.

Sie ging weiter und schloß die Augen. Blind durch die Stadt zu gehen liebte sie noch am meisten. Ihr begegneten viele Leute. Sie empfand das Klopfen der Stöckelschuhe neben sich, den bequemen Gang in Turnschuhen, der auf sie zukam, sie vernahm das Auftreten in so vielen verschiedenen paaren Schuhe gleichzeitig, daß sie gar keine Zeit gehabt hätte, sie aufzuzählen, obwohl sie alle mit Namen und Charakteristiken benennen konnte. So ausgeprägt war ihr Gefühl alleine nur in den Fußsohlen. Als sie an die erste Ampel kam und auf den Knopf drückte, bemerkte sie die kleinen Kerben des Plastiks, was doch eigentlich absolut glatt ist, und das Fließen des Stromes durch die Kabel, welche die Ampel bedienten. Grün. Der erste Fußtritt auf das Pflaster verriet ihr die Eile mancher Autofahrer, die mit hoher Geschwindigkeit auf Nachbar- Straßen fuhren. So auch kam das Rutschen der bremsenden Räder auf dem Asphalt nicht überraschend. Sofort ertönten Schreie, Beschimpfungen und Klagen der Fußgänger und der Autofahrer. Die Welt war doch manchmal wirklich von Chaoten bevölkert.

Weitergehen war nicht schwer. Die feinen Strümpfe in ihren Stiefeln kräuselten sich schon wieder an der Spitze zusammen. Es war nervig, sie dann heraus zu holen, aber beim Gehen bewirkte es eine angenehme Massage. Dann kam das Futter ihrer Stiefel. Obwohl es später Frühling war, trug sie diese. Das Futter war alt, es wärmte nicht mehr, es war nur noch angenehm anzufühlen. Diese lockere, weiche Wolle an den Füßen war wirklich nicht schlecht. Das Streifen der leichten Sommerhose gegen ihre feinen, seidigen Beine kitzelte fast. Der Stoff, ein leichtes, feines Baumwollgewebe in Falten geschlagen, flatterte an ihr herab. Das blaue Top wurde am Rücken und hinten am Genick festgebunden. Die Schleife am Nacken kratzte hin und wieder an der sensiblen Haut und ziepte an den untersten Haaren. Die Bändel am Rücken spürte sie ab und zu leicht gegen die Haut baumeln. Die kleine Handtasche klopfte, auf lange Zeit nervtötend, gegen ihre Hüfte.

Wie gesagt, es war Spätfrühling und das Wetter spielte mit. Es war ein heißer Tag gewesen. Manche der noch übriggebliebenen Hitzeschwaden des Mittags spielten um Angelas Arme und Gesicht. Deshalb genoß sie um so mehr das leichte Streicheln der sachten, koketten Brise, die eine Ablenkung bedeutete. Es war nämlich die Nachmittags- Abendsschwüle eingetreten.

Der Verkehr hatte währenddessen zugenommen und ebenfalls die Beschäftigung auf den Bürgersteigen. Angela Drusilla blieb nichts anderes übrig, als sich durch die Menschen einen Weg zu bahnen. Somit ging sie näher an die Straße heran. Die Autos rauschten vorbei. Der Fahrtwind, den sie aufwirbelten, strömte an ihr vorbei und zerstob mit einem Mal das friedliche Bild ihrer Umgebung was sie sich hinter ihren Liedern geschaffen hatte. Er hauchte ihr die stinkenden Abgase um die Nase und sie merkte, wie ihre langen, pechschwarzen Locken aufgewirbelt worden und aus ihrer geschickt hingebürsteten Form in alle Richtungen aufflogen. Das konnte jetzt auch egal sein, die Haare fielen ja schon von selbst wieder in eine ordentliche Stellung zurück.

Ihr war jetzt nur wichtig sich nicht von der in ihr aufsteigenden Unruhe erfassen zu lassen und aus dem immer schlimmer werdenden innerlichen Drang die Augen aufzureißen.

Sie konzentrierte sich wieder auf ihre Umgebung. Die Gefühle, die die Menschen ausströmten, ihre Wärme, das Klappern ihrer Schuhe, Taschen und des Schmucks, ihre Aura.... Sie filterte die Bestandteile des Asphalts heraus, die Textur der Farbe des Zebrastreifens. Ihr Tastgefühl breitete sich in alle Richtungen aus. Links, rechts, hinten, vorne, über und unter ihr gab es keine Bewegung, die sie nicht erfassen konnte. Selbst das Fahren eines Wagens fünf Stockwerke unter ihr in der Tiefgarage blieb ihr nicht verborgen. Sie spürte einfach alles. Jetzt war es in ihr wieder ruhig geworden. Jetzt war sie wieder im Einklang mit sich und ihrer Umgebung. Sie bemerkte die verschiedenen Luftveränderung, Wärme und Kälte Verschiebungen, auch nur um ein Hundertstel Grad. Der Spaziergang durch die Gefühle hatte wieder begonnen.

Leider aber nicht für lange, denn mit einem grotesken Stoß heißer Luft aus manchem der Metroschächte wurde sie von Neuem in die sichtbare Welt gerissen. Sie wusste jetzt, dass sie vor dem großen Einkaufszentrum stand. Sie war angekommen.

Nun befielen sie ununterbroche ablenkende Gedanken. Was für einen Film sie sehen würden? Wie es ihren Freunden wohl gehe? Und ihrer Schwester? Ob schon jemand da wäre? Ob sie die letzte sei?....

Sie öffnete die Augen und sah auf die Uhr. Nein, es war noch früh. Diese Häufung an unsinnigen Fragen hatte sie vollkommen aus der Ruhe geschmissen. Es war zum wahnsinnig werden. Nun sah sie sich noch eine Weile die in der ersten Etage ausgestellten Waren an, dann bewegte sie allmählich und ruhig ihre Schritte auf die Rolltreppe zu.

Die kalte Metallverbindung wurde vor ihrem Gefühlsauge sichtbar. Dann schwebte ihre Seele aus dem Körper heraus ins zweite Stockwerk. Dort war alles voller Gefühle. Ein Wirrwarr von komplizierten Gefühlsnetzen, die sich übereinander häuften. Sie versuchte eins, ihr bekanntes System zu finden. Und da! Ja! Diese Denkensart, diese Gefühlsmischung aus freudiger Erwartung, Ungeduld und Glück kannte sie doch. Nur ein Mensch konnte so empfinden, Diana Alexandra . Ihre Schwester Sara Michelle Gabriell schien noch nicht da zu sein, und Xander auch nicht!

Das Rennen hatte wahrscheinlich schon vor ein paar Stunden begonnen, und doch hatte es schon einen Sieger. Sara Michelle würde es nie schaffen vor Xander da zu sein.

Die Seele und der Körper vereinten sich wieder und, oben angekommen, erfolgte eine herzliche Begrüßung.

ENDE

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