Ein Gang durch die Stadt mit allen Sinnen: Hören

Als Diana Alexandra auf die Straße trat, stand die Sonne schon tief am Himmel und ein große Geräuschkulisse strömte ihr entgegen. Sie liebte es, durch die menschengefüllten Straßen zu gehen und das kleinste Geräusch in sich aufzunehmen. Sie wandte sich nach links und hörte, wie ihr rotes Haar dabei an ihr weißes Top rieb. Als sie weiterging, konnte sie die Geräusche der Schuhsohlen auf dem Bürgersteig hören. Sie war im Stande, dabei alle Arten von Schuhen auszumachen. Ein paar Meter vor ihr zum Beispiel lief eine Frau mit extrem hohen Hacken. Diana dachte sich, dass die Frau an diese wohl nicht gewohnt wäre, denn dem Geräusch nach zu urteilen stellte sie sich an, als würde sie auf Eiern laufen. Auf der anderen Straßenseite ging ein Mann in Sportschuhen. Die eine Sohle würde bald abgehen. Diana hört das ziehende Geräusch, welches der Klebstoff verursachte, der versuchte, Schuh und Sohle zusammenzuhalten.

Auf einmal vernahm sie das Summen von Strom, wenn er eingeschaltet wird und sofort danach das Flackern der angehenden Strassenlampen.

Das Geräusch der Autos war für Diana besonders störend. Wenn sie ihre Ohren einsetzte, hörte sie es viel lauter als alle anderen. Gerade rauschte eine Auto an ihr vorbei und aus dem Lärm, den es verursachte, konnte sie schließen, dass es schneller war als in diesem Teil der Stadt erlaubt.

Um sich herum konnte sie, wenn sie wollte, alle Unterhaltungen mithören. Ungefähr 10 Meter hinter ihr unterhielten sich zwei Mädchen im Flüsterton darüber, wo sie ihre Spickzettel während der letzten Arbeit versteckt gehalten hätten. Auf der anderen Straßenseite stritten sich zwei Jungen darum, wessen Auto besser wäre und in einer der Wohnungen, an der sie vorbeiging, sagte gerade eine Mutter zu ihrem Kind, es solle doch um Himmels willen sein Zimmer aufräumen. Von anderen Wohnungen her kamen die Geräusche, die bei der Abendessensvorbereitung typisch sind. Sie hörte das Klappern von Töpfen und das Rauschen und Plätschern von Wasser, wenn es in diese gegossen wird. Diana machte das Brutzeln von Butter auf den Pfannen aus und hörte, wie Verschiedenes in Öfen geschoben wurde. Einmal hörte sie auch das piepsende Geräusch, das entsteht, wenn man auf die Knöpfe eine Mikrowelle drückt.

Jetzt war sie am Kaufhaus angekommen. Sie dachte daran, dass sie zum Glück ihren Gehörsinn im Griff hatte, sonst würde sie hier wohl Kopfschmerzen bekommen. Diana Alexandra blieb neben dem Eingang stehen und ließ ihren Gehörsinn sich ausbreiten. Er verteilte sich über das erste Stockwerk, wo alle Läden voller Modeartikel, Schmuck, Spielzeug und Ähnlichem waren. Hier hörte sie die Geräusche, welche die Menschen beim Anprobieren der Kleidung machen. Das Klappern beim Zurückschieben der Vorhänge von den Umkleidekabinen, das Rattern der Reißverschlüsse, das Streifen von Stoff gegen Haut. Von den Spielzeugläden her vernahm sie die bittende Stimmen von Kindern, wenn sie ein besonders schönes Spielzeug sahen, den freudigen Ausruf, wenn sie es bekamen und die traurige Erwiderung, wenn nicht. Aus den Schmuckläden kamen das Klimpern von verschiedenen Anhängern und die sehnsüchtigen Ausrufe junger Mädchen, wenn sie manchen Schmuckgegenstand sahen.

Dann stieß sie mit ihrem Gehör auf das beständige Summen der Rolltreppe, die auf das obere Stockwerk führt, wohin sie auch musste. Sie stieg hoch und streifte mit ihrem Gehör das Stockwerk ab. Diesmal richtete sie es dann gleich direkt auf den Platz vor den Kinokassen, wo sie sich mit ihren Freunden treffen sollte. Doch da war keine vertraute Stimme, keine vertraute Bewegung der Füße. Toll, sie war wieder mal die Erste. Diana stellte sich vor die Kassen und beschäftigte sich eine Weile damit ihrem Klimpern zuzuhören. Dann hörte sie ein Geräusch, das sie gut kannte. Es waren Angelas Stiefel. Richtig! Da stand sie, auf der Rolltreppe. Jetzt kam noch ein Geräusch hinzu, das ihr vertraut war. Xanders Turnschuhe. Sie erkannte ihre beiden Freunde leicht an ihrer Art zu laufen, besser gesagt, an dem Geräusch, welches sie dabei verursachten. Nun war Angela bei ihr angekommen. Als auch der Junge bei ihnen angekommen war, hörte Diana die einzige Person, die noch fehlte, Sarah Michelle, auf das Kaufhaus zugehen. Sie war doch immer die Letzte. Xander wollte gerade sagen, er habe sie gesehen, als beide Mädchen abwinkten um ihm zu verstehen zu geben, sie hätten es auch schon gemerkt.

Auf einmal entdeckte Diana ein Mädchen aus ihrer Klasse, welches sie nicht leiden konnte. Diana ging ganz natürlich von hinten auf sie zu und sagte "BU!". Das Mädchen erschrak heftig und schrie sie dann an, ob sie verrückt sei. Diana grinste nur, drehte sich um und ging auf ihre Freunde zu.

Sarah, die inzwischen oben angekommen war, fragte, ob Diana es denn immer ausnützen müsse, dass niemand sie hören könne. Doch ihre Freundin antwortete, dass sie aus Sarahs Stimme heraushören konnte, dass ihr zum Lachen zumute war und dass doch jeder dieses Mädchen gern geärgert hätte. Bei sich dachte Diana dann, dass es ziemlich ungewöhnlich sei, im Stande zu sein, alles zu hören, selber aber nicht gehört zu werden.

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