Deutsch: Bilingualer Literatur-Event mit Michael Ebmeyer und Jordi Puntí

Die Sprache Europas? - Die Übersetzung!

Bilingualer Literatur-Event mit Michael Ebmeyer und Jordi Puntí in der Aula der DSB

Der Schriftsteller Michael Ebmeyer hatte am Vormittag des 15. Juni 2017 für die Schülerinnen und Schüler Kurzprosa gelesen und sie anschließend in einem Lyrik-Workshop beim Produzieren literarischer Texte begleitet. Für den Abend desselben Tages lud die Fachschaft Deutsch – unterstützt durch die Schulleitung – die Schulöffentlichkeit zu einem deutsch-katalanischen Literatur-Event in die Aula der DSB ein. Dieser außergewöhnliche Begegnungsabend zeigte, wie Literatur über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg entsteht und wirkt.

Das Publikum wurde zuerst musikalisch (mit Jens Dembowski am Saxophon und Helmut Rieger am Flügel) und dann mit Worten (von der Deutsch-Fachleitung) begrüßt.

Michael Ebmeyer hat zu Barcelona eine besondere Beziehung. Während eines mehrjährigen, berufsbedingten Aufenthalts hier hatte er nicht nur die katalanische Sprache erlernt, sondern auch einen Autorenfreund fürs Leben gefunden: Jordi Puntí. Ebmeyer übersetzte Puntís katalanischen Roman „Maletes perdudes“ (span.: „Maletas perdidas“) ins Deutsche. Warum die deutsche Ausgabe einen ganz anderen Titel bekam („Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz“), erklärte Ebmeyer so: Der deutsche Verlag bestand auf diesem Titel, weil durch ihn beim deutschsprachigen Lesepublikum Assoziationen geweckt werden, die sich positiv auf die Verkaufsziffern auswirken sollen. „Marketing“, kommentierte dies der Autor und Übersetzer lakonisch.

Abwechselnd lasen Puntí und Ebmeyer Auszüge aus dem katalanischen Original und aus der deutschen Übersetzung vor.

Wovon handelt dieser Roman?

Der Protagonist, Möbelpacker namens Gabriel, fährt, zusammen mit zwei Kollegen, für ein Barceloneser Umzugsunternehmen quer durch Europa. Pikanterweise baut er während dieser eine Mehrfach-Existenz auf, indem er, neben seiner katalanischen Familie, heimlich drei weitere Familien an drei verschiedenen Orten gründet. Er hat vier Söhne, die im Grunde alle denselben Vornamen tragen, in der jeweiligen Sprache. Offenkundig wird dieses Ungeheuerlichkeit erst, als Gabriel spurlos verschwindet und sein katalanischer Sohn Cristòfol beim Stöbern in der Wohnung in Barcelona auf die Existenz seiner drei Halbrüder (des britischen Christopher, des deutschen Christof und des französischen Christophe) stößt. Die Geschichten, die sich die vier Halbbrüder erzählen, fügen sich zu einem bunten Bild von einem Mann, auf dessen Lebenswandel herkömmliche Begriffe wie „Heiratsschwindler“, „Poligamist“ oder „Filou“ nicht recht zu passen scheinen. Es geht wohl eher um einen Lebenskünstler oder einen Pícaro. Man kann „Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz“ in der Tat als postmodernen Schelmenroman lesen, mit viel Witz und Humor erzählt. Auf jeden Fall aber ist es ein europäisches Familienepos.

In einem zweiten Anlauf las Ebmeyer einen Auszug aus seinem Roman „Plüsch“. Hierin geht es um einen Zwanzigjährigen, der keinen Lebensplan hat und sich damit– in seinen Augen positiv – von seinen alten Freunden abhebt, die bereits ihre berufliche Karriere im Visier haben. Mit einem Gleichgesinnten schließt er einen Pakt: Sie geben sich zwei Jahre, um ihr Leben zum Besseren zu wenden. Auf der Suche nach Lebens-Wegen kommt es zu allerlei Turbulenzen. Das Finale spielt in Barcelona, vor Anarchisten-Gräbern auf dem Montjuïc. Nach dem deutschen Original hören die Besucher des Literatur-Events die katalanische Version, von Jordi Puntí vorgetragen.

Wieder wird man Zeuge, wie sich zwei kongeniale Autoren die Bälle zuwerfen, mit Freude am Fabulieren und mit sensiblen Antennen für die Sprache des jeweils anderen.

Beide Schriftsteller beantworten bereitwillig und ausführlich Fragen aus dem Publikum. Dabei erwähnen sie – eher nebenbei – das Literaturprojekt „Hausbesuch“ des Goethe-Instituts, an dem von Mai bis Oktober 2016 zehn bekannte AutorInnen aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg, Portugal und Spanien teilnahmen. Ihre Texte erschienen im Frühjahr 2017 als E-Book in fünf Sprachen herausgegeben und wurden auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. Auf die Frage, welche Sprache sich denn als die europäische Sprache durchsetzen werde, fanden Ebmeyer und Puntí – auch unter dem Eindruck des europaweiten Literaturprojekts – eine Antwort, die man fast schon symbolisch nennen kann: „Die europäische Sprache ist die Übersetzung.“

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