Die EU – in der schwersten Krise ihrer Geschichte?

- eine Veranstaltung an der DSB mit Dr. Stefan Rating am 20.4.2016

Brexit? Terrorismus? Grexit? Flüchtlingskrise? Zweifelhafte Flüchtlingsdeals mit der Türkei? Demokratiedefizit? Bürokratische Überregulierung? Sollte die Türkei in die EU aufgenommen werden? Wird die EU ungerechterweise zum Sündenbock für nationale Versäumnisse gemacht? Besser ein Europa der Zwei Geschwindigkeiten? Warum haben nicht alle EU-Länder den Euro? Wie weit darf und müssen Solidarität und soziale Verantwortung der EU gehen? Wohin steuert die EU?

Die Belastungsfaktoren für die EU sind derzeit so vielschichtig, dass der eingeladenen EU-Experte Dr. Stefan Rating auf zahlreiche Schülernachfragen hin kaum nachkam, die aktuellen Baustellen Europas mit fundiertem Hintergrundwissen genauer zu beleuchten.

Der ehemalige Schüler der Deutschen Schule Barcelona, Dr. Stefan Rating, heute als Jurist mit Schwerpunkt EU und Kartellrecht  in Barcelona tätig und 14 Jahre lang Beamter der Europäischen Kommission bis zum Kommissarsprecher, hatte seiner alten Schule am historisch so belasteten Datum 20.April.2016 einen Besuch abgestattet, um – auf Einladung des Geschichtskurses 12 von Herrn Mühlich - den Schülerinnen und Schülern zu schildern, wie er als ehemaliges Mitglied der EU-Kommission und kritischer Begleiter der europäischen Integration die Zukunft der EU in diesen schweren Tagen sieht.

Nach einem kurzen und provokanten Einblick in die Sprachenpolitik und Funktionsweise der EU, der Diskussion um Beitrittskriterien und -kandidaten entwickelte sich ein lebendiger und interessanter Schlagabtausch zwischen Schülerfragen und humorvoll-informativen Antworten des Referenten, der sich als ehemaliger Insider mit kritischer Distanz und Außenperspektive als kompetenter, eloquenter und zum Teil auch sarkastischer Fachmann erwies. Die Kommunikation zwischen Schülern und dem EU-Fachmann Rating fand auf eine offene, lockere und persönliche Art statt. Mit zahlreichen Anekdoten und teilweise ironischen Ausführungen konnte er die anwesenden Fast-Abiturienten kurzweilig aber nachhaltig ansprechen und immer klarstellen, wo er seine eigene, teilweise auch unkonventionelle Position jenseits der offiziellen EU-Linie vertritt, z.B. bei seiner kritischen Sicht auf überzogene nationale Sonderwünsche von Mitgliedsstaaten wie Großbritannien.

Ein zentrales immer wiederkehrendes Hauptanliegen von Stefan Rating war, die EU als einen „Spielball der Mitgliedsstaaten und nationalen Regierungen“ zu entlarven und den Blick der Jugendlichen zu schärfen, wenn die Regierungen der Einzelstaaten die EU gerne als Sündenbock für unpopuläre Maßnahmen  heranziehen, anstatt selbst die Verantwortung für ihre europäischen Verpflichtungen zu übernehmen. In neunzig kurzweiligen Minuten schaffte es Dr. Rating trotz aller aktuellen diagnostizierten Mängel und Belastungen, die die EU derzeit meistern muss, glaubhaft zu vermitteln, dass die EU als Friedens- und Stabilitätsgarant für Europa die aktuelle Krise überleben wird, wenn sie solidarisch agiert. Aber  - und das versuchte Dr. Rating immer wieder zu vermitteln, das Projekt Europa könne nur dann funktionieren, wenn man “wirklich daran glaubt!“, was angesichts der aktuell ungelösten Konflikte und der Uneinigkeit zwischen ihren Mitgliedsstaaten berechtigte Zweifel offen lässt. Es steht und fällt also mit unser aller Bereitschaft für „mehr Europa“ und weniger nationalen Alleingängen.

Matthias Mühlich                        (Bilder: Endimione Knorr)

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