Margot Käßmann zu Gast an der DSB

Über 500 Schülerinnen und Schüler aus den Jahrgangsstufen 8 bis 11 fanden sich am 1. Dezember 2017 in der Aula der DSB ein, wo sechs Auserwählte aus den Klassen 10 und 11 den Ehrengast, Frau Dr. Käßmann, auf der Bühne in ihre Mitte nahmen. Man hatte das Format einer „Talkshow“ gewählt, das ein zwangloses und gleichzeitig zielgerichtetes Gespräch erlaubt.

Seit 2012 ist Frau Käßmann offiziell als „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“ im Auftrag des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) weltweit unterwegs. In dieser Eigenschaft weilte sie Anfang Dezember als Gast der deutschsprachigen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde einige Tage in Barcelona und stattete, durch Vermittlung von Pfarrer Holger Lübs und auf Einladung der Schulleiterin, Annegret Jung-Wanders, auch der Deutschen Schule einen Besuch ab. Den „Talk“ hatten die Schüler/innen Thaïs Ayuso, Emma Corberó, Leah Noguer, Victoria Wolfschmidt (Klasse 11b), Paulina Nollmann (10a) und Sascha Cantos (10c) weitgehend eigenständig vorbereitet, waren aber von Lehrkräften der Fachschaft Philosophie, in Zusammenarbeit mit der Fachleitung Deutsch, ausgesucht worden. Der Deutsch-Fachleiter, Helmut Rieger, war es auch, der für die interviewenden Schüler geeignete Themen ausgesucht hatte, auf die das Gespräch hingelenkt werden sollte.

Sowohl der guten Vorbereitung der Schüler/innen als auch der sympathischen Art von Frau Käßmann war es zu verdanken, dass die einstündige Gesprächsrunde wie im Fluge verging. Manche Themen konnte man aus Zeitgründen lediglich streifen, andere wurden vertieft und erweitert.

So ging die Theologin fundiert auf die Frage nach dem Vorankommen der Ökumene ein, erklärte Unterschiede zwischen den christlichen Konfessionen (die Rolle der Frau in den Kirchen), betonte bereits erreichte Gemeinsamkeiten (wie etwa die gegenseitige Anerkennung der Taufe) und erwähnte Desiderate (z.B. das interkonfessionelle Feiern des Abendmahls).

Auf die Frage nach ihrer Erfahrung als evangelische Bischöfin antwortete Margot Käßmann ganz offen, dass es anfängliche Widerstände nicht nur innerhalb ihrer eigenen Kirche gab, sondern sich auch die russisch-orthodoxe Kirche zunächst ablehnend verhielt.

Das durch Luthers antijüdische Äußerungen (v.a. durch seine Schmähschrift von 1543) belastete Verhältnis der evangelischen Kirche zum Judentum kam ebenfall zur Sprache. Käßmann gab zu, dass die offizielle und systematische Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels des Protestantismus extrem spät, nämlich erst vor wenigen Jahren, erfolgte. Dennoch sei der christlich-jüdische Dialog auf einem guten Weg.

Zum islamistisch geprägten Extremismus und Terrorismus befragt, äußerte Frau Käßmann eine dezidierte Meinung: Beeinflusst von Martin Luther King, vertritt sie die Auffassung, dass der Kreislauf der Gewalt aufgebrochen werden müsse, die Antwort auf Terrorismus also nicht erneut die Anwendung von Gewalt sein könne. Die Terroranschläge in Brüssel und Barcelona als Beispiele nehmend, plädierte die Theologin dafür, im einzelnen Attentäter „den Menschen zu sehen“. Auf Gewalt mit Gewalt zu antworten, sei der falsche Weg. Fundamentalismus und Fanatismus würden dort entstehen, wo keine Fragen gestellt werden; deshalb seien Bildung und die Befähigung zu kritischem Hinterfragen wesentlich. Margot Käßmann verwies in diesem Zusammenhang auf Luther, der die Heilige Schrift ins Deutsche übersetzte, damit der lesende Mensch die Möglichkeit habe, durch Bibellektüre sein Gewissen zu schärfen. Dies sei auf die Heiligen Schriften anderer Religionen übertragbar. Natürlich sei die Bekämpfung von Armut und Unterdrückung notwenig, um dem religiös motivierten Terrorismus den Boden zu entziehen.

Zu ihrer Rolle als „Botschafterin des Reformationsjubiläums“ befragt, erklärte Dr. Käßmann ihr Aufgabenfeld und betonte, dass man das Lutherjahr nicht als Nationalfeier ausgerichtet wissen wollte, sondern Partnerkirchen aus aller Welt mit eingebunden habe. Die Weltausstellung in der Lutherstadt Wittenberg habe die Aktualität der Reformation gezeigt.

Warum studiert man Theologie? Sehr offen und persönlich ging der Gast der „Talk-Show“ auf diese Frage ein und ging auf einen USA-Aufenthalt in jungen Jahren ein, wo der Entschluss gereift sei, ein Studium zu beginnen, in dem man sich mit „Fragen des Lebens“ befasse, und wo man mögliche Antworten finden könne. Auch die Lektüre von Martin Luther King, die Begegnung mit jüdischen Menschen und die Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg und dem Holocaust habe sie während ihres USA-Aufenthalts geprägt.

Von den Schülern auf ihre Publikationen angesprochen, führte Käßmann zu ihrem Buch „Mehr als Ja und Amen“ aus, unsere Welt brauche Menschen mit Visionen und mit Mut zu Verbindlichkeiten. Angesichts der Endlichkeit des Lebens gehe es darum, bewusst zu leben und sich nicht vor Entscheidungen zu drücken. In ihrem neuen, noch nicht erschienenen Buch stehe das Thema Freundschaft im Mittelpunkt, da Freundschaft ein stabilisierender Faktor im Leben sei.

Der lang anhaltende Applaus am Ende der Talkrunde galt sowohl dem Gast als auch den interviewenden Schüler/innen. Die Mikrophone und das Bühnenlicht waren schon ausgeschaltet, doch das Gespräch wurde „off stage“ noch eine Weile weitergeführt.

Helmut Rieger

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