Projekt: „Industrie trifft Schule“

Das Industrie-Soundorchester Kassel zu Gast an der DSB

Helmut Rieger

Acht Mitglieder des Industrie-Soundorchesters Kassel, bestehend aus Fach- und Führungskräften des Volkswagen-Konzerns, waren am 27. April 2018 zu Gast an der DSB.

Im ersten Teil des Projekts stellten die Ingenieure und Manager, auf die acht Klassen der 10. und 11. Jahrgangsstufen verteilt, ihre jeweiligen Tätigkeitsbereiche im VW-Werk Kassel vor und erklärten, welche Rolle die Musik in ihrem Beruf und für ihre Life-Work-Balance spielt. Anschließend standen sie den Schülerinnen und Schülern für Fragen zur Verfügung. Unsere Schüler erhielten einen authentischen Einblick in die Arbeitswelt von Industrie und Wirtschaft. Da die hochqualifizierten VW-Mitarbeiter gleichzeitig ambitionierte Amateurmusiker sind, bekamen die Zehnt- und Elftklässler auch die Gelegenheit, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die sowohl technische Berufe ausüben als auch einen künstlerischen Anspruch an sich selbst haben.

Die VW-Mitarbeiter hatten sich gründlich auf den Besuch an der DSB vorbereitet. In einem mediengestützten Input-Referat schilderten sie die verschiedenen Tätigkeitsbereiche im VW-Werk Kassel-Baunatal, das mit 16.500 Mitarbeitern die zweitgrößte Produktionsstätte der Volkswagen-AG in Deutschland ist. Doch hatten die Gäste nicht nur Präsentationen mitgebracht, sondern verblüfften die Schüler allein schon damit, dass sie mit ihrem jeweiligen Musikinstrument die Klassenzimmer betraten. Dazu gehören neben alten Bekannten, wie Trompete oder Saxophon, auch „Exoten“ wie der türkische Saz oder die griechische Bouzouki. Für die Schüler war es gewiss ein Novum, einem Produktionsleiter zuerst Fragen zur Automobilbranche zu stellen, und ihn dann als Saxophonisten zu erleben – oder einen Getriebebauleiter, der für 6000 Mitarbeiter verantwortlich ist, eine Stunde später mit seiner Tuba auf der Bühne wiederzusehen.

Der zweite Teil des Projekts bestand nämlich aus einem einstündigen Konzert in der Aula. Für diese Performance hatten die musizierenden Ingenieure und Manager nicht nur einen professionellen Arrangeur und Bigband-Leiter (Detlef Landeck) mitgebracht, sondern auch einen Klang-Designer (Wolfram Spyra), einen Tontechniker (Rolf Dressler) und einen Percussionisten (Olaf Pyras). Im Vorfeld hatte man Original-Geräusche aus der Automobilproduktion als Klang-Samples gespeichert; sie wurden zur Live-Musik, rhythmisch passend, eingespielt. Das Schlagzeug ist allerdings kein konventionelles Drum-Set, sondern wurde von dem Drummer, der hauptberuflich Hochschuldozent für Schlagwerk ist, aus Autoteilen zusammengestellt.

Erweitert wurde dieses wohl einmalige Industrie-Soundorchester durch zwei Lehrkräfte der DSB: Helmut Rieger (Bassklarinette) und Matthias Kessler (Posaune). Als ein neues und den Klang bereicherndes Element dieses Sound-Projekts erwiesen sich der Oberschul- und der Lehrerchor der DSB, beide unter der Leitung von Daniella Rieger-Böhm (und begleitet von Sophia Ackermann bzw. Helmut Rieger am Klavier). Detlef Landeck und die Chorleiterin hatten sich im Vorfeld auf ein gemeinsames Dirigat geeinigt. Die Sängerinnen wurden auf die spezielle Zeichensprache des Bigband-Leaders eingeschworen, sodass sich die vom Chor gesungenen Lieder so natürlich in das Gesamtprojekt einfügten, als würden sich Sänger und Instrumentalisten schon lange kennen. Dabei hatten sie nur eine gemeinsame Probe! Es war faszinierend zu sehen, wie unbeirrt durch die ungewöhnlichen Zusatzklänge die Chorsängerinnen „Magical Kingdom“ oder „Lena’s Song“ intonierten. Engagiert und selbstbewusst ließen sie sich auf die Dekonstruktion der Lieder ein, schauten abwechselnd auf ihre Chorleiterin und auf den Bigband-Dirigenten und verpassten keinen einzigen Einsatz. Die Solo-Sängerin Ana Júlia Braojos (sie machte 2017 an der DSB ihr Abitur) faszinierte nicht nur das Publikum, sondern auch die Musiker, als sie – von Juan López Giese am Flügel begleitet – die Ballade „Never enough“ sang. Mit dem katalanischen Lied „El Cant dels Ocells“ füllte Ana Júlias Stimme zunächst a capella die Aula, doch dann stimmten Bläser, Saiteninstrumente und Schlagwerk mit ein, denn Bandleader Landeck hatte ein Arrangement dazu mitgebracht.

Die Musik des VW-Soundorchesters ist zum Teil arrangiert und einstudiert, wird teilweise aber auch improvisiert. Die verschiedenen Klang-Module werden von dem Arrangeur koordiniert und spontan abgerufen. Dazu spielt der Klangdesigner die gesampelten Klänge aus der Fahrzeugproduktion ein. Die Auftritte haben also stets experimentellen Charakter. Der Improvisations-Charakter wurde bei Auftritt in der Aula der DSB auf eine kreative Spitze getrieben, als Martí Serra, Jazz-Profi, als Gast-Solist aus dem Ensemble heraustrat und mit einem fulminanten Solo auf seinem Sopransaxophon das Publikum begeisterte. Wiederum eine deutsch-katalanische Begegnung.

Die Initiative für dieses Projekt ging von Jens Dembowski aus, Schülervater und Produktionsleiter des Getriebewerkes in Prat (Barcelona). Er hatte, zusammen mit dem Deutsch-Fachleiter Helmut Rieger, der Schulleiterin den Vorschlag unterbreitet, das Industrie-Soundorchester aus Kassel für einen Tag an die DSB zu holen. Dank der Unterstützung durch Anne Jung-Wanders konnte dieses ungewöhnliche Projekt „Industrie trifft Schule“ tatsächlich durchgeführt werden.

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