„Sieben Kisten“ Zeitzeugenveranstaltung

von und mit Frau Dory Sontheimer zum Schicksal deutscher Juden in Deutschland und Spanien am 6.April 2016 an der DSB

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Dory Sontheimer wurde 1946 in Barcelona geboren und katholisch erzogen. Nach dem Tod ihrer Mutter im Jahre 2002 fand sie in einem Schrank des Elternhauses sieben Kisten voller Briefe, Fotos und Dokumente. Anhand dieser rekonstruierte sie eine ihr bis dahin unbekannte Familiengeschichte -

die ihr lange verschwiegene Geschichte ihrer eigenen jüdischen Familie und die Geschichte verfolgter Juden in Europa.

2014 veröffentlichte sie ein Buch (Las siete cajas, Circe Verlag). Frau Sontheimer hält regelmäßig Vorträge, auch in Schulen. Anhand der in den sieben Kisten aufbewahrten Dokumente erzählt sie von ihrem eigenen und dem Schicksal deutscher Juden in Deutschland und Spanien und von den Überlebenden in den USA, Kanada, England, der Tschechei und Israel.

Der Zeitzeugenvortrag wurde dankenswerterweise von Prof. Dra. Cristina González Beilfuss, Universitat de Barcelona, vermittelt.

Eingeladen waren alle Schüler und Schülerinnen der 11. und 12. Jahrgangsstufe sowie die 10 Realschulklasse - darüberhinaus alle Interessierten der Schulgemeinde.

Frau Sontheimer leitete den Vortrag charmant damit ein, dass auch sie nervös wäre, weil es doch das erste Mal sei, dass sie an einer Deutschen Schule eine Lesung vortragen würde. Sie hielt ihren Power-Point-Vortrag auf Deutsch, was nicht ihre Muttersprache ist. Von Beginn an zeigte sich das Interesse an ihrer Geschichte an der DSB-untypischen Ruhe und Aufmerksamkeit seitens der Zuhörer. Hier war Geschichte greif- und spürbar, vor allem, weil sie an der Schnittstelle zwischen spanischer und deutscher Perspektive erzählt wurde. Frau Sontheimer baute ihren Vortrag mittels einer sehr gelungenen parallelen Montagetechnik auf: Historische Ereignisse - z. B. aus dem Nationalsozialismus - wurden kurz anhand von Folien erläutert, um dann ihre Konsequenzen für die Familiengeschichte der Sontheimers aufzuzeigen. Das Exil der Familie führte von  Deutschland nach Spanien bzw. Kuba und in die Vernichtungslager nach Gurs/Südfrankreich und Ausschwitz. Auf diese Weise erhielt die zum Teil bekannte Ereignisgeschichte ein Gesicht - oder besser gesagt: mehrere. „Ich wollte diese Geschichte einfach in ein Buch packen“ – diese Erkenntnis machte Frau Sontheimer zu einer Autorin ihrer eigenen Familiengeschichte.

Das Interesse der Schülerinnen und Schüler an diesem interessanten und bewegenden Vortrag zeigte sich auch an ihren anschließenden Fragen, z.B. zu Neonazismus, der Flüchtlingskrise und zur Thematik von Hass und Vergeben. Auf die vielen Fragen nach der gefühlten und gelebten Identität von Frau Sontheimer als Jüdin im Barcelona der direkten Nachkriegszeit antwortete sie mit dem denkwürdigen Satz, dass sie von ihren Eltern im Geiste erzogen worden sei, dass es nur zwei verschiedene menschliche Rassen gebe: die mit Herz und Moral - und die ohne.


Text + Bilder: Thomas Kemper / Matthias Mühlich

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